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Mesolithische Besiedlung von Lipno

Die Zeit des Mesolithikums - der Mittelsteinzeit (ca. 8300 - 5500 vor Christus) - charakterisiert die Lebensweise der Jäger-Sammler. Die Menschen bauten damals noch keine dauerhaften, sondern meistens nur kurzfristige - Saisonsiedlungen. Sie ernährten sich insbesondere mit Jagd, Sammeln von Kräutern und lebten in kleineren, mobilen Gruppen, die hinter der Ernährung oder den Rohstoffen auf manchmal beträchtliche Entfernungen wanderten. Nur ausnahmsweise finden wir markantere Spuren nach ihnen, wenn wir jedoch nicht auf einen häufiger besuchten Ort auftreffen, der wegen der Menge der Ernährung oder Vorkommen wertvoller Naturrohstoffe.

Die Entdeckung vieler bisher völlig unbekannter mesolithischer Lokalitäten im Dolnovltavicer Talkessel ist ein großes Verdienst vor allem Zdeněk Petrs und seiner Freunde, die hier bei der Senkung des Wasserspiegels des Lipno-Stausees in den Jahren 1983-1985 auf bloßgelegten Ufern eine große Menge mesolithischer gespaltener Industrie einsammelten. Die Ergebnisse ihres Sammelns wurden nachfolgend durch eigene Untersuchungen Dr. Slavomil Vencls vom Archäologischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften in Prag begläubigt und ergänzt. Von insgesamt 15 Lagen gelang es almählich eine Kollektion von 2620 Stück Gegenstände, deren Halbfabrikate, Kerne und eine große Menge Abprodukte aus importierten sowie örtlichen Rohstoffen zu gewinnen. Die entdeckten Lokalitäten liegen in der Höhe von 723-725 m ü. M. und stellen den ersten Beweis der mesolithischen Besiedlung des Berggebietes in Böhmen dar.

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Von 15 festgestellten Lagen mit Funden der gespaltenen Industrie können wir nur 5 oder 6 für Beweise wirklicher Siedlungen halten. Die übrigen Funde zeugen dann eher von einer intensiven Nutzung der hiesigen Landschaft von der mesolithischen Bevölkerung. Die bisher bedeutendste mesolithische Lokalität in der Umgebung des Lipno-Stausees ist die Lokalität Hůrka 4 (Abb. 2 - orangefarben im schwarzen Kreis), die heute auf einer Insel - Halbinsel (Kote 736 m.ü.M.) etwa 4 km südwestlich von der Stadt Horní Planá (Oberplan) entfernt liegt. Die auffällige Landzunge am Zusammenfluss der Vltava mit der Ostřice nutzten die Menschen auch später. Davon zeugen der Fund eines Teils eines geschliffenen Werkzeugs sowie Keramik aus der Jung- oder Spätsteinzeit. Aus Hůrka stammen insgesamt 2256 Stück mesolithische gespaltene Industrie, was 86% der Bruchstücke von allen 15 gefundenen Lokalitäten darstellt. In der Kollektion überwiegen Abprodukte (ca. 65%) und Halbzeuge (ca. 22%), es blieb aber auch eine Reihe von Kernen (Beispiele siehe Abb. 5), durch deren Abschlagen Werkzeuge entstanden (ca. 7,5%), und auch fast 120 Werkzeuge selbst erhalten. Am häufigsten sind Kratzer (Beispiele siehe Abb. 3) und Mikrolithe - Klingen oder Spitzen (Beispiele siehe Abb. 4) vertreten. Das Spektrum der Rohstoffe, die in der Lokalität Hůrka 4 zur Herstellung von Werkzeugen genutzt wurden, ist nach der Bestimmung Dr. V. Nováks sehr bunt. Es überwiegt der importierte gesprenkelte Hornstein aus dem Fränkischen Jura (ca. 65%), von lokalen Rohstoffen (insgesamt 25%) dann Serpentinite mit Quarzgehalt (ca. 11%), Opale und verschiedene Quarzarten.

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Die Feststellung einer sehr intensiven Besiedlung im relativ hoch gelegten (ca. 700-800 m ü.M.) und ursprünglich ziemlich breiten und flachen Talkessel des heutigen Lipno-Stausees hat eine große Bedeutung gleich aus mehreren Gründen. Die Lokalitäten wurden zufällig (beim Absenken des Wasserspiegels) nur auf der zugänglichen nordöstlichen Seite des Stausees entdeckt (die andere Seite lag im Grenzgebiet). In diesem Gebiet können wir deshalb die Existenz vieler -zig weiterer Fundorte dieses Alters vorauszusetzen. Deren dichtes Netz zeugt von einer normalen Zugänglichkeit und intensiven langfristigen Nutzung der hiesigen Landschaft. Die mesolithische Bevölkerung konnte verhältnismäßig lange bis zu jüngeren Zeiten - Neolithikum überleben. Die nächsten Beweise neolithischer Besiedlung sind vom Gebiet der Stadt Český Krumlov bekannt (Urzeitliche und frühmittelalterliche Besiedlung auf dem Gebiet der Stadt Český Krumlov), die in der Luftlinie kaum 20 km entfernt ist. Die bunte Artenzusammensetzung steinerner Rohstoffe, die von den hiesigen Mesolithiker zur Herstellung von Werkzeugen genutzt wurden, beweist sowohl ihre vertrauliche Kenntnis der örtlichen Umgebung, die durch einen langfristigen Aufenthalt bedingt ist, als auch Handelskontakte auf große Entfernungen. Die Kontakte in Richtung Westen verrät der am häufigsten vertretene gesprenkelte Hornstein aus dem Fränkischen Jura, als auch der weniger häufige tafelartige gestreifte Silex (Feuerstein) bayrischer Herkunft. Das zeugt von einer durchaus geläufigen Überschreitung des Šumava/Böhmerwaldes. Vom böhmischen Inland wurden demgegenüber der Hornstein vom Typ Böhmischer Karst (aus Mittelböhmen) oder Quarzit vom Typ Skršín (Umgebung von Most in Nordwestböhmen) gebracht. Alle erwähnten Faktoren beweisen die große Dynamik der hiesigen relativ kleinen mesolithischen Jäger-Sammler-Kommunitäten, die gründliche Kenntnis und intensive Nutzung der Region sowie vielfältige Handelskontakte auch auf relativ große Entfernungen. Eine ungelöste Frage bleibt bisher die Beziehung zur neu angekommenen neolithischen landwirtschaftlichen Bevölkerung, die insbesondere die niedriger gelegten, zur Landwirtschaft geeigneten Gebiete nutzte.

Den Interessenten für eine tiefere Erkenntnis der Lokalität empfehlen wir sich mit der Publikation der Ergebnisse bisheriger Untersuchungen bekannt zu machen, die Dr. Slavomil Vencl im Jahr 1989 veröffentlichte (Vencl, S. 1989: Mezolitické osídlení na Šumavě [Mesolithische Besiedlung im Böhmerwald]. Archeologické rozhledy XLI, 481-505). Der Artikel enthält Charakteristiken der einzelnen entdeckten Lokalitäten, Beschreibungen der Funde und auch einen reichen Bilderanhang.

(me)

Weitere Informationen:
Archäologische Untersuchungen in der Region Český Krumlov
Urzeitliche Besiedlung der Region Český Krumlov
Keltisches Oppidum Třísov