Im Jahr 1998 wurden die Wandmalereien an der Stirnwand der Neuen Burggrafschaft auf dem II. Schlosshof in Český Krumlov komplett restauriert. Das Gebäude der Neuen Burggrafschaft wurde im Jahr 1578 im Rahmen eines umfangreichen Umbaus der alten Krumauer Burg in einen Renaissancepalast gebaut (Renaissanceumbauten des Schlosses Český Krumlov). Umfangreiche Bau- und künstlerische Umgestaltungen der Krumauer Burg initiierte der vorletzte rosenbergische Herrscher Wilhelm von Rosenberg und Autor des Projektes der Neuen Burggrafschaft, die in den Quellen Buchalteria genannt wird, war wahrscheinlich der italienische Architekt Baldassare Maggi z Arogna, der in dieser Zeit als rosenbergischer Hofbaumeister wirkte.

Parade der Schwarzenberger Grenadiergarde, II. Hof des Schlosses Český Krumlov, Bild aus dem Jahre 1900

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte das Gebäude der Burggrafschaft mehrmals seinen Zweck und seit 1931 sind in seinen Räumen das Staatliche Gebietsarchiv und die Schlossbibliothek untergebracht. Die äußere architektonische Gestalt des Objektes verzeichnete seit der Zeit dessen Entstehung keine grundsätzlichere Veränderung. Es ist als einstöckiges zweiflügeliges Gebäude im nordöstlichen Teil des II. Schlosshofes gebaut. Der Umfang und Ausdruck des Gebäudes wird durch die ausgedehnte Stirnwand charakterisiert, die in einem fast regelmäßigen Rhythmus durch eine Reihe von Fensteröffnungen mit profilierten Granitleibungen gegliedert ist. Dominierendes Element der nördlichen Stirnwand ist ein robustes steinernes Portal mit dem Rosenberger Wappen im Keilstein, durch das sich der östliche Flügel des Objektes in den I. Schlosshof öffnet. Die Masse des Gebäudes gipfelt mit einem steilen Satteldach mit einer Reihe von schlanken, reich geformten Renaissanceschornsteinen.1)

Schloss Český Krumlov, Neue Burggrafschaft, Detail der Westfassade vor der Restaurierung, Foto: Ing. Ladislav Pouzar, 1997 Schloss Český Krumlov, Neue Burggrafschaft, Detail der Westfassade nach der Restaurierung, Foto: Ing. Ladislav Pouzar, 1998

Die Wandmalereien wurden kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes durchgeführt. Die Flächen der Stirnwand deckt eine gemalte Quadrierung und das Stockwerk trennt ein illusionistisches Gesims mit dem Motiv eines Zahnschnittes. Auf dem Gesims ruhen illusionistische Säulen, am Ostflügel von Nischen mit fiktiven Statuen der Tapferkeit (Fortitudo), Mäßigkeit (Temperantia), Judith, Lucretia und Vulkanus abgelöst. Die Säulenköpfe tragen ein Gebälk mit einer hohen Kehle, an der ovale Felder mit allegorischen Gestalten, Szenen aus Ovids Metamorphosen und aus dem Alten Testament angebracht sind. Diese Figuralszenen sind mit einem reichen Gewebe von Rollwerkornamenten und grotesken Motiven begleitet. Die Malereien sind in der grauen Chiaroscuro-Farbigkeit durchgeführt, die den Eindruck eines prunkvollen steinernen Reliefs suggeriert, und dadurch die schroffe Monumentalität der Architektur markant betont. Als Autor der Malereien wird manchmal in der Literatur Gabriel de Blonde angeführt, der lange in den Diensten der Rosenberger war. Diese Behauptung ist jedoch weder mit schriftlichen Quellen noch mit einer Komparation mit anderen Werken bewiesen, die Gabriel de Blonde zugeschrieben werden.

Judith, Holzschnitt von Johann und Adriaen Collaert, Muster für die Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft Judith, Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft, Zustand nach der Restaurierung im Jahr 1998, Foto: Mgr. Lubor Mrázek

Die Malereien an der Neuen Burggrafschaft wurden in den Jahren 1842 - 43 von František Flath restauriert und ihre weitere Instandsetzung führte im Jahr 1908 Maler Ludvík Kuba durch. Einige folgende -zig Jahre wurden an der Stirnwand des Objektes nur handwerkliche Instandsetzungen der meistbeschädigten Teile durchgeführt und erst im Jahr 1982 führte hier das Team der Restauratoren unter der Leitung des akademischen Malers Prokopec eine Restaurierungsuntersuchung durch.2) Zu einer komplexen Restaurierung kam es erst im Jahr 1998.

Lucretia, Holzschnitt von Johann und Adriaen Collaert, Vorbild für die Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft Lucretiea, Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft, Zustand nach der Restaurierung im Jahr 1998, Foto: Mgr. Lubor Mrázek

Vor der Restaurierung im Jahr 1998 waren die Malereien in einem sehr schlechten bis Havariezustand. Neben den durch das natürliche Altwerden des Putzes sowie der Farbschicht verursachten Defekten wurden die Malereien am gewichtigsten durch die steigende Feuchtigkeit in den Bodenpartien der Stirnwand und durch langfristiges Durchlassen in der Umgebung der Regenfallrohre beschädigt. Infolge des wiederholten Durchdringens einer übergroßen Menge Feuchtigkeit in die Putze und der folgenden intensiven Migration und Kristallisation von Salzen, des Einfrierens und weiterer zusammenhängender destruktiver Prozesse kam es in diesen Partien zu einer umfangreichen Beschädigung und zu Verlusten der ursprünglichen Putze mit Malereien. Weiter wurde die Malerausschmückung der Stirnwand auf der ganzen Fläche verunreinigt und an vielen Stellen bei undisziplinierten Bauherrichtungen in der Vergangenheit, und auch im Zusammenhang mit einem intensiven Touristenverkehr im Schloss mechanisch beschädigt. Eine ernste Quelle der Beschädigungen waren auch ungeeignete technologische Verfahren, die bei der Restaurierung in den Jahren 1842 - 43 sowie 1908 benutzt wurden. Zum unzureichenden Zustand der Malereien trug nicht zuletzt auch eine langfristige Abwesenheit präventiver Restaurierungseingriffe. Ein sehr kompliziertes technologisches und vor allem methodisches Problem war die gegenseitige Verbundenheit der originalen Renaissancemalereien mit Rekonstruktionen und Retuschen von den Restaurierungen in den Jahren 1842 - 43 und 1908.

Temperancia, Holzschnitt von Johann und Adriaen Collaert, Vorbild für die Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft Temperancia, Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft, Zustand nach der Restaurierung im Jahr 1998, Foto: Mgr. Lubor Mrázek

Dieser komplizierte Zustand der Putze sowie Malereien war bei der Formulierung einer verbindlichen Konzeption für die Restaurierung in Betracht zu nehmen. Die gewählte Konzeption wurde an der Präsentation der originalen Renaissancemalerei in Verbindung mit allen technologisch funktionsfähigen und bildkünstlerisch akzeptablen historischen Ergänzungen orientiert. Methodisch stützte sich diese Konzeption insbesondere an den Begriff der Integrität, die den Zustand des Denkmals reflektiert, bei dem es zur organischen Verbindung physikalischer, historischer und ästhetischer Verwandlungen kommt, zu denen es während der Existenz des Werkes kam, und die vom Geschichtspunkt der gegenwärtigen Erkenntniszustands aus zu schützen sind.3) Im Fall der Malerausschmückung auf dem II. Schloss geht es vor allem um die Verbindung der ursprünglichen Malerei mit den Ergänzungen aus den Jahren 1842 - 43 und 1908. Völlig destruierte Partien der Stirnwand wurden unter Anwendung dieser Konzeption technologisch und bildkünstlerisch mit adäquaten Retuschen und Rekonstruktionen gelöst. Es handelte sich um eine Konzeption, die die Integrität des Denkmals bevorzugt, d.h. dessen physikalische, historische und ästhetische Gesamtheit, dem einseitigen Bevorzugen dessen authentischer Renaissancekomponente. Eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über die Konzeption der Restaurierung spielte auch die Bemühung die ursprüngliche illusionistisch architektonische Funktion der Malereien zu rehabilitieren, die die reale Architektur des Gebäudes der Burggrafschaft fertig gestaltete.

Vulkanus, Holzschnitt von Johann und Adriaen Collaert, Vorbild für die Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft Vulkanus, Wandmalerei an der Fassade der Neuen Burggrafschaft, Zustand nach der Restaurierung im Jahr 1998, Foto: Mgr. Lubor Mrázek

Die Restaurierungsarbeiten begannen mit einer komplexen Untersuchung der Putz- und Farbschichten. Die Untersuchung hatte zur Aufgabe detailier den Zustand, die Zusammensetzung und den Umfang des originalen Putzes mit der Malerei und das Maß und die Qualität sekundärer Eingriffe auszuwerten. Weiter war das Ziel der Untersuchung bildkünstlerische, technische und technologische Mittel zu erkennen, die mit der Realisierung der ursprünglichen Malerei sowie der historischen Instandsetzungen zusammenhingen. Es ging vor allem um die Erkenntnis der Technik der ursprünglichen Malerei, Identifikation der sog. Tagwerke, gestochenen Vorzeichnungen, Kompositionsentwürfe u. ä. Erkenntnisse wurden durch eine laboratorische Auswertung der abgenommenen Proben oder visuell direkt an der Fassade festgesztellt und in fotografische Pläne der Fassade verzeichnet.

Nach der Auswertung der Untersuchung wurde mit dem eigentlichen Prozess der Restaurierung begonnen. Die Arbeiten orientierten sich auf die Konservierung der authentischen Renaissancemalerei und an den Stellen, wo das Original nicht erhalten blieb, wurden funktionsfähige Rekonstruktionen aus dem 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten und restauriert. Jüngere Rekonstruktionen und Übermalungen wurden auch respektiert, beziehungsweise dort geschwächt oder retuschiert, wo infolge ihrer Beseitigung das Original hätte gefährdet werden können. In devastierten Bodenpartien wurden Reste der nicht zusammenhängenden und ungleichartigen Putze beseitigt, neue Putze realisiert und in diese mit der Technik al fresco Rekonstruktionen der illusionistischen Quadrierung durchgeführt. Bei den Rekonstruktionen wurde darauf geachtet, dass die Farbigkeit und Handschrift der Rekonstruktionen kontinuierlich an die ursprünglichen Renaissancemalereien sowie respektierte historische Instandsetzungen anknüpfen.

Schloss Český Krumlov, Neue Burggrafschaft, Detail der Südfassade, Zustand vor der Restaurierung, Foto: J. a P. Novotný, 1997 Schloss Český Krumlov, Neue Burggrafschaft, Detail der Südfassade, Zustand nach der Restaurierung, Foto: J. a P. Novotný, 1998

Die Materialbasis des Restaurierungsprozesses ging von gegenwärtigen Standarden aus. Zur Verfestigung der Farbschicht und des Putzes wurde das Material der Firma SAX Tiefgrund W und zu den Injektionen das Material LEDAN benutzt, Putzergänzungen wurden mit Kalkmörtel durchgeführt, der an Ort und Stelle aus Sand, Löschkalk und einem Anteil weißen Zements zubereitet wurde. Retuschen wurden mit Aquarell und Kaseintemper unter Anwendung von Pigmenten Schmincke durchgeführt. Bei den Fresko-Rekonstruktionen wurde Kalkweiß und schwarzes Fe3O4 benutzt. Im Verlauf der Restaurierungsuntersuchung und des Restaurierungsprozesses war es möglich, einige kunsthistorische, bildkünstlerische und technische Fragen zu präzisieren oder neu zu interpretieren, die mit der Entstehung und der historischen Entwicklung der Malerausschmückung auf dem II. Schlosshof zusammenhingen. Die Ergebnisse der kunsthistorischen Untersuchung wurden im internationalen Sammelband veröffentlicht (Techniken der Fassadendekoration, herausgegeben von: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, München 1999, S. 13 - 35), der Restauratorenbericht, der die Ergebnisse der Untersuchungen und die einzelnen Etappen der Restaurierung ausführlich dokumentiert, wird im Archiv des Staatlichen Instituts für Denkmalpflege in České Budějovic und im Büro des Direktors der Staatlichen Burg und des Schlosses Český Krumlov aufbewahrt.

Schloss Český Krumlov, Neue Burggrafschaft, Westfassade, Zustand vor der Restaurierung, Foto: J. a P. Novotný, 1997 Schloss Český Krumlov, Neue Burggrafschaft, Westfassade, Zustand nach der Restaurierung, Foto: J. a P. Novotný, 1998

Die Restaurierung der Malereien auf dem II. Schlosshof des Krumauer Schlosses sicherte das Staatliche Institut für Denkmalpflege in České Budějovice in Zusammenarbeit mit der Verwaltung des Schlosses. Für die Restaurierung wurden Finanzmittel vom Budget des Staatlichen Instituts für Denkmalpflege abgesondert und ein Teil der Kosten wurde vom Programm der EU Raphaelo finanziert (www.raphaelo.org). Für die Restaurierungsarbeiten wurde ein Wahlverfahren ausgeschrieben, von dem die Restauratoren Mgr. Josef und Petr Novotní als Sieger gekommen sind. Die Konzeption der Restaurierung entwarfen und Denkmalaufsicht bei der Restaurierung führten Pavel Jerie vom Staatlichen Institut für Denkmalpflege in Prag und Mgr. Petr Pavelec vom Staatlichen Institut für Denkmalpflege in České Budějovice.

(pp)

Anmerkungen :

  1. Informationen über die bauhistorische Entwicklung des Objektes zusammengefasst in: MUK Jan, LANCINGER Luboš, Český Krumlov, Stavebně historický průzkum areálu zámku, č. p.59 - oblastní archív a zámecká knihovna, Praha 1990, (Maschinenschrift, aufbewahrt im Archiv des Staatlichen Instituts für Denkmalpflege in Č.Budějovice und im Büro des Schlossdirektors SHZ Č.Krumlov). Hier auch ausführliches Verzeichnis weiterer Literatur und archivlicher schriftlicher, Bild- und Planmaterialien.

  2. PROKOPEC Petr, (Kol.), Restaurátorská zpráva - průzkum, Praha 1982 (Maschinenschrift, aufbewahrt im Archiv des Staatlichen Instituts für Denkmalpflege in Č.Budějovice unter Nr. 320).

  3. Etický kodex a zásady pro praxi restaurování výtvarných děl, herausgegeben von Asociace restaurátorů a společnost Re art Praha, Praha 1991, S. 8.

Weitere Informationen :
WWW.RAPHAELO.ORG
Schloss Nr. 59 - Neue Burggrafschaft
Schloss Nr. 59 - Kleine Burg, Restaurierung der Renaissancewandmalereien
Schloss Český Krumlov in der Renaissancezeit
Renaissanceumbauten des Schlosses Český Krumlov
Gabriel de Blonde
Erneuerung des Schlosses Český Krumlov in der Gegenwart und in den nächsten Jahren