Schloss Český Krumlov, sterbliche Überreste des hl. Calixtus in der St.-Georgs-Schlosskapelle, geöfneter Reliquiar  Die Reliquien der Heiligen wurden schon seit der Zeit des frühen Christentums in großer Ehren gehalten, denn sie stellten die direkte Existenz einer konkreten von Gott begnadeten und auserwählten Person dar. Die Verehrung der Reliquien ermöglichte es den Gläubigen, den direkten physischen Kontakt mit dem Heiligtum zu erleben. Besonders in der Zeit des Mittelalters und später auch in der Barockzeit wurden die Körper der Heiligen in Schmuckschreinen zur öffentlichen Ehrung in Kirchen und Kapellen ausgestellt.

Wertvolle Reliquien befanden sich auch in der Schloßkapelle in Český Krumlov, zum ersten Mal erwähnt im Jahre 1334. Vom 14. Jahrhundert an wurden hier wertvolle Reliquien hinterlegt, die am Fronleichnamsfest anläßlich des Vorzeigens der heiligen Reliquien ausgestellt wurden, was nach dem Vorbild Kaiser Karls IV. von den Rosenbergern in Český Krumlov auch eingeführt wurde. Für diese Festlichkeit wurden vom Jahr 1410 an langfristig in die Kapelle auch die Reliquien des hl. Ägidius und des hl. Kalixtus verliehen, die aus dem Augustinerkloster in Třeboň stammten.

Schloss Český Krumlov, sterbliche Überreste des hl. Calixtus in der St.-Georgs-Schlosskapelle, Schädel und Tubus mit der Begläubigungsurkunde aus dem Jahre 1663

Es handelte sich wahrscheinlich um die Reliquien des hl. Papstes Kalixtus I., der um das Jahr 222 in Rom gestorben war. Trotz seines natürlichen Todes wurde dieser Papst und Reformator als Märtyrer angesehen, denn in seinem Leben erduldete er viele Leiden, die sein Leben verkürzten. Im 9. Jahrhundert kam es zur Erhebung der Reliquien und zur Übergabe an einige römische Kirchen, nach Neapel und nach Frankreich. Einen Teil des Kopfes erwarb später auch Kaiser Karl IV., ein berühmter europäischer Sammler von Reliquien, der ihn später wahrscheinlich den Rosenbergern schenkte. Die Reliquien des hl. Kalixtus, aufbewahrt in einem Schrein in Form eines Kopfes, befanden sich in der Kapelle bis zum Jahre 1614, dann wurden sie weggebracht. Über ihr weiteres Schicksal haben wir keine Nachrichten.

Durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände erscheinen aber in der Schloßkapelle in Český Krumlov nach einigen Jahrzehnten die Reliquien eines gleichnamigen Heiligen, die im Jahre 1663 Fürst Johann Christian I. von Eggenberg von Papst Alexander VII. erworben hatte. Das Skelett des Heiligen und ein kleines Gefäß mit seinem Blut brachte aus der Cyrenaika in Nordafrika (heute Libyen) der Bischof Ambros Landucci, der gleichzeitig auch eine Urkunde herausgab, die die Echtheit der Skelettüberreste und auch des Blutes des Märtyrers bestätigt. Es ist also evident, daß es sich nicht um die Reliquien des Papstes Kalixtus I. handelt, sondern eines heute schon unbekannten Märtyrers Kalixtus aus Nordafrika, das damals zur römischen Provinz gehörte. In der Barockzeit kamen nach Böhmen viele sterbliche Überreste von wenig bekannten Heiligen, die von Aristokraten und kirchlichen Würdenträgern von ihren Reisen ins Ausland mitgebracht worden waren. Die Verehrung der Reliquien, für den heutigen Menschen schon schwer verständlich und bizarr, wurde zu einer der typischsten Äußerungen der barocken übertriebenen Frömmigkeit.

Schloss Český Krumlov, sterbliche Überreste des hl. Calixtus in der St.-Georgs-Schlosskapelle,  das vom Bischof Ambrosius Landucci (1663) und vom Erzbischof Johann Friedrich von Waldstein (1678) bestätigte Pergament Die Echtheit des Skeletts und des Blutes des hl. Kalixtus bestätigte im Jahre 1678 auch der Prager Erzbischof Bedřich von Valdštejn, denn ohne Einverständnis des örtlichen Bischofs konnten die Reliquien nicht öffentlich in der Kapelle verehrt werden. Beim großzügigen Umbau der Schloßkapelle in den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurde ein verglaster Schrein über dem Sakramentshäuschen auf dem Hauptaltar angebracht. In den Schrein, ausgelegt mit rotem Samt, wurden dann die reich geschmückten Skelettüberreste des Heiligen zusammen mit einem kleinen Gefäß, das sein Blut enthielt, gebracht. Das Blut deutet auf das Märtyrertum des heiligen Kalixtus hin, denn er vergoß Blut für seinen Glauben. Deshalb wurde der Aufbewahrung des Blutes so große Aufmerksamkeit geschenkt. Bei den Überresten befand sich auch eine Urkunde (Authentik), die die Echtheit bestätigte.

In Český Krumlov wurden dank einem bedeutsamen Zusammentreffen von Umständen die Überreste von wahrscheinlich zwei gleichnamigen Heiligen verehrt, von denen der eine römischer Papst war und der andere ein Märtyrer aus Nordafrika.

(zp)